Samstag, 3. November 2012

Ein Lebenszeichen


 Nachdem ich die letzten 3 Wochen ohne Internet auskommen musste, (Ja so etwas gibt es selbst im Jahre 2012 noch) ist es jetzt endlich soweit: Ich bin zurück in der Zivilisation :)
Und glaubt mir, es gibt EINIGE Neuigkeiten :)
Aber ich fange natürlich zuerst da an, wo der letzte Rundbrief aufgehört hat:
Die Tage nach der Abreise von Michi habe ich weiterhin bei Marc verbracht.
Da seine Wohnung nicht weit vom Strand ist, waren wir mit seiner australischen Clique Beachvolleyball spielen. Direkt am Meer :)
Das hat seinen ganz besonderen Reiz, denn als sie letztens gespielt haben ist eine Delfinfamilie direkt an der Küste an ihnen vorbei geschwommen.
Hört sich traumhaft an, aber ich hatte zu dem Zeitpunkt schon andere Dinge im Kopf:
Alles in die Wege leiten, planen, dann telefonieren und schließlich die Zugfahrpläne studieren. Alles nur mit einem bestimmten Ziel!
Und dann war es endlich soweit! Der große Tag war gekommen:
Ich machte mich auf den Weg zu meinem neuen Arbeitgeber und sollte ihn ein erstes Mal mit meinen eigenen Augen sehen: 

SILVERS CIRCUS


 
Ihr fragt euch sicherlich wie das erste Zusammentreffen war?!
Ich werde euch die Geschichte erzählen:
Es war einmal, an einem schönen und sonnigen Tag in Australien. Ein kleiner Junge namens Andreas..



STOP.
Ich habe es mir gerade anderes überlegt :)
Da ich mir bislang nur einen kleinen Eindruck verschaffen konnte, will ich jetzt noch nichts vorweg nehmen!
Ich will schließlich nicht die Spitze des Eisberges erzählen und den großen Teil außen vor lassen – Nein:
Ich werde euch alles erzählen. An einem Stück.
Vom ersten Zusammentreffen und meinen ersten Eindrücken bis zum kennen lernen meiner „Zirkusfamilie“ und schließlich den Beginn meines Nomadenlebens :)
Aber ich will euch noch eine Weile auf die Folter spannen. Im nächsten Rundbrief wird es soweit sein. Kein normaler Rundbrief, nein.
Ich nenne ihn hiermit feierlich:

DEN ZIRKUSRUNDBRIEF

Macht euch auf was gefasst!

So viel sei schon jetzt gesagt: Ich habe eine überaus spannende Einführung in meine Arbeit bekommen und dann ging der Zirkus seine wohlverdienten 3 Wochen „Betriebsferien“.
Die einzig freie Zeit der Artisten und Künstlern im kompletten Jahr – es wird sonst permanent durchgearbeitet!
Das trifft sich sehr gut: Ich hatte jetzt einen Einblick in das Zirkusleben und dann erstmal Zeit meine ersten gesammelten Erfahrungen zu verarbeiten! :)

Aber zunächst hieß es nochmal: Ran an die Arbeit!
Wir haben den kompletten Zirkus zusammengepackt und plötzlich standen da riesige Trucks, beladen mit der großen Bühne, den Sitzreihen des Publikums und dem Zelt und dazu natürlich noch jede Menge Wohnwägen – eben die kompletten Utensilien eines Zirkus!


Ja, und dieses Bild zeigt nur einen kleinen Bruchteil der gesamten Fahrzeuge!
Da stellt einem sich die Frage: Wo kann man so etwas 3 Wochen lagern?
Kein Problem, no worries - Der Zirkusdirektor Anton Gasser nennt neben dem Zirkus auch eine rießige Farm sein eigen. Auf der zugehörigen Fläche kann man alles problemlos zwischenlagern.

Alle Zirkusmitarbeiter haben die Möglichkeit, die 3 showfreien Wochen auf dieser Farm zu verbringen! Die meisten Artisten nutzen allerdings die Chance um zu reisen und etwas Abstand zum Alltag zu bekommen!
Der Sohn des Zirkusdirektors und ebenso Artist, Dominik Gasser, ist beispielsweise gerade in Europa unterwegs und wird sich sogar zeitweise in Deutschland aufhalten! :)

Da auch ich nun zur Zirkuscrew gehöre, hat man mir vorgeschlagen, die 3 Wochen auf der Farm zu verbringen!
Ich hatte noch nicht viel von besagtem Ort gehört und wusste somit nicht, was mich dort erwartet.
Aber ich hatte die Chance einige Zirkusmitarbeiter und ihren „way of life“ außerhalb der Shows näher kennen zu lernen und so nahm ich die Herausforderung an und sagte zu.
Es stellte sich heraus, dass 4 weitere Zirkusmitarbeiter dort ihre Ferien verbringen werden und so begann unsere Zeit auf einer Farm nahe Gisborne.
Da es hier jede Menge Arbeit zu tun gibt, hat es sich für mich angeboten, meine Reisekasse etwas aufzufüllen :) So war ich also die 3 Wochen auch beim Zirkusdirektor angestellt.

Ich muss zugeben dass ich zunächst etwas geschockt war:
Die Farm lag sehr abgelegen auf dem Land und war somit komplett ohne öffentliche Verkehrsanbindung.
Also erstmals weg vom touristischen Australien und weg vom Trubel der Großstädte.
Mich erwartete ein einfaches Leben auf einer einsamen, australischen Farm.

Mein erster Eindruck nach der Ankunft war, dass es vielleicht doch etwas zu einsam für meinen Geschmack ist.
Und ich muss ehrlich sein: Ja, ich war sogar etwas enttäuscht.

Aber in der Ruhe hatte ich viel Zeit zum Nachdenken und so konnte ich mich glücklicherweise nach dieser ersten Enttäuschung schnell auf das Besinnen, was wirklich zählt. Mir wurde klar:

Der Zirkus stellt mir hier alles, was man zum Überleben braucht:
Genügend zu Essen und Trinken und ein Dach über dem Kopf.

Es stellte sich eine erste Zufriedenheit ein.
Aber damit nicht genug: Mit der Zeit konnte ich plötzlich ganz neue Erkenntnisse gewinnen und es fiel mir wie Schuppen von den Augen:

Ich habe sogar viel mehr als nur das, was man zum Überleben braucht!


Beispielsweise muss ich mein Zimmer nicht mit anderen teilen, was nicht viele Backpacker von sich behaupten können :)
Oder: Am Kühlschrank in unserer Gemeinschaftsküche darf ich mich immer bedienen!
Und Dank unserer Einkaufsfee Bruce ist dieser auch immer gefüllt :)
(Gut, vielleicht bin ich der Einzige, der den knorrigen Bruce mit seinen 65 Jahren Lebenserfahrung eine „Fee“ nennt, aber eigentlich hat er sich das doch verdient :))

Ja, ich könnte diese Liste noch eine Weile weiterführen, aber zusammenfassend kann ich sagen:
Plötzlich konnte ich meine Lage überhaupt begreifen und lernte Dinge zu schätzen, die sonst für mich leider selbstverständlich waren.
Bisher war mir das so nicht möglich: In Deutschland genießen wir einen großen Luxus und so vieles ist im Überfluss vorhanden.

Aber in meiner Zeit auf der Farm offenbarte sich mir eine sehr wertvolle Erkenntnis, die ich gerne mit nach Hause nehmen will:

Man braucht nicht viel, um etwas aus seinem Leben zu machen!

Hier auf der Farm gibt es kein Fernsehen. Keine Medien zur Bespaßung, nein.
Aber ich habe einen funktionierenden Kopf, dem keine Grenzen gesetzt sind.
Und mit ein wenig Kreativität kann man Ideen entwickeln und aus den einfachsten Sachen interessante Dinge machen!

Rezept gegen Langeweile für Jedermann

Zutaten:
            -funktionierender Kopf mit Gehirn (Größe spielt keine Rolle)
            -eine Prise Kreativität
            -Zeit, die subjektiv gesehen als „Langeweile“ bezeichnet wird

Man nehme zunächst diesen Kopf und gebe ihn zusammen mit der Kreativität in eine große Schüssel. Anschließend gut verrühren und das Ergebnis eine Zeit lang stehen lassen, damit sich die Kreativität entfalten kann.
Dieser Arbeitsschritt kann in regelmäßigen Zeitabständen solange wiederholt werden, bis die komplette Kreativität verbraucht ist.
Mit etwas Geduld ergeben sich dann beste Ideen, die jedoch je nach Person recht unterschiedlich ausfallen können.
Jedoch führen sie in den meisten Fällen zu einer super Beschäftigung und lassen nicht-enden-wollende-Tage wie im Flug vergehen!

Exptertentipp: Ein sehr positives Resultat erzielt man, wenn man den Fernseher komplett weglässt!
Sollte es in ihrem Falle unverzichtbar sein, dann jedoch höchstens in Maßen zugeben.



Erfahrungen von Testperson Andreas (Gehirngröße: Keine Angaben)
Zunächst wusste ich gar nicht, was ich mit meiner vielen Zeit anfangen sollte. Dann plötzlich bin ich auf dieses Rezept gestoßen und es hat so vieles verändert.
Mein gesamter Tag verläuft sehr kurzweilig!
Das fängt schon morgens beim Frühstück an: Wenn ich mir Pancakes mache vergeht die Zeit wie im Flug: Ich suche ich die Herausforderung und trainiere fleißig um den Pancake in der Luft zu wenden, ohne dass er aus der Pfanne fällt! Ich mache das Kochen zu einem Fest! Auch im weiteren Tagesablauf mache ich nun viele alltägliche Dinge zu etwas besonderem!
Beispielsweise versuche ich mich als Jongleur. Mit Äpfeln. Da ist die Motivation größer keinen fallen zu lassen, weil ich sie schließlich nach meiner Trainingsstunde esse!
Ich bin absolut begeistern und kann das Rezept nur jedem weiterempfehlen es mal auszuprobieren!


Okay, Schluss mit dem Erfahrungsbericht. Ich hoffe ich konnte euch mein Denken mit meinem anschaulichen Rezept und Testbericht etwas näher bringen :)
Ja, auch beim Rundbrief schreiben lasse ich meiner Kreativität freien Lauf und es bereitet mir große Freude – schöner Zeitvertreib :)

Ach, und euch interessiert sicher, wie ich meine Zeit hier sonst verbringe, wenn ich nicht gerade mit Äpfeln jongliere oder Pancakes durch die Küche katapultiere!
Pass auf: Hier ein Einblick in meinen Tagesablauf auf der Farm:

Mein Wecker klingelt um 8 Uhr. So kann ich mir Zeit lassen beim Aufstehen und wenn mich der Hunger überkommt werfe ich ein Blick in unseren Kühlschrank der Gemeinschaftsküche, was Bruce so Leckeres eingekauft hat :)
Um 9 Uhr geht meine Arbeit los! Zusammen mit Bruce bringe ich die Farm auf Vordermann: Ich mähe den Rasen mit einem so genannten „Whibble Snipper“, ein motorisiertes Handmähgerät!
Dann schneide ich die Bäume, füttere nebenher unerlaubterweise die Ziege und ich muss sagen:
Ich entdecke hier meinen grünen Daumen! Bislang hat er sich 19 Jahre gut versteckt, aber jetzt habe ich ihn wohl entlarvt :)
Um 12 Uhr wird dann eine Stunde Mittagspause gemacht und dann wird wieder bis ca. 15 Uhr gearbeitet – also zusammenfassend ca. 5 Stunden Arbeitszeit pro Tag.
Den restlichen Tag habe ich Zeit für mich! Und diese Zeit schätze ich sehr und ich nutze sie für viele Dinge, die sonst im stressigen Alltag zu kurz kommen :)
Ich habe Zeit um Musik zu hören und Liedtexte zu studieren, mein Reisetagebuch schreiben und was besonders empfehlenswert ist: Bilder der letzten Jahre ansehen und die Erlebnisse noch mal im Kopf genießen. Außerdem habe ich hier Zeit, um mir Gedanken zu meinem Leben und meiner Persönlichkeit zu machen. Und welches Studium wohl am besten dazu passt. Oft unterhalte ich mich auch mit den anderen Zirkusmitarbeitern über ihre jeweilige Geschichte und lerne sie so näher kennen.
Und was ich sehr gerne mache: Ich lasse mir ganz viel Zeit beim Kochen und Essen! Man genießt das Essen so viel bewusster!
Damit ich trotz des Genießens fit bleibe trainiere ich hier außerdem viel :)
Ach, und etwas sehr interessantes habe ich noch vergessen: Ich mache Erkundungsrunden durch das riesige Farmgelände!
In einer Scheune habe ich bereits ein Motorboot entdeckt, das der Zirkusinhaber Anton von seiner Frau einfach mal zu seinem Geburtstag bekommen hat – verrückt.
Aber es bieten sich noch eine Menge viel interessanterer Dinge an: Der „Silvers Circus“ hat eine lange Tradition, wurde 1946 gegründet. Und die ganzen alten Utensilien aus früheren Zeiten werden hier auf der Farm gelagert: Die Scheunen sind gefüllt mit alten Zaubererumhängen, alten Werbeplakaten, Einrädern und ich habe sogar schon eine alte Kanone entdeckt, mit der früher Personen durch die Manege geschossen wurde :)
Unglaublich interessant, was man hier alles findet :)
Und hier auf der Farm hier stehen auch sämtliche alte Fahrzeuge des Zirkus – teilweise 30 Jahre alt.
Rostige Trucks mit denen früher das Zelt transportiert wurde, alte Wohnwägen der früheren Artisten und auch die Wägen, in denen die Tiere früher gehalten wurden. Ich habe bereits den alten Löwenkäfig entdeckt. Dieser steht nicht weit entfernt von meinem Wohnwagen :)
Auch einen Affenkäfig gibt es hier. Zu dem habe ich mich sofort hingezogen gefühlt, wie unschwer zu erkennen ist.

Ironischerweise passt mein braunes St.Pauli-Trikot optimal zu dem Affenbild :)

Dann habe ich mich schlau gemacht, was der Zirkus sonst für Tiere in seinen Shows hatte.
Zum Repertoire gehörten wie bereits erwähnt Löwen und Affen aber auch russische Braunbären, Kamele, Lamas, Pferde, Stiere und Elefanten! Also wirklich das volle Programm.
Doch vor einigen Jahren hat die australische Regierung einige Gesetze zur „Freiheit der Tiere“ geändert!
Auch der Silvers Circus hat im Laufe dieser Reform seine Tiere nach und nach abgeschafft und ist nun fast ein rein artistischer Zirkus mit menschlichen Darstellern!
Ich persönlich halte auch nichts von Tiervorführungen und so begrüße ich das sehr :)

Ach, wo wir gerade bei Tieren sind:
Hier auf der Farm wurde ich schon mehrfach vor großen giftigen Spinnen und Schlangen gewarnt. Die treiben hier ihr Unwesen und ich sehe schon, wie vielleicht DU in genau diesem Moment deine Finger in den Schreibtischstuhl krallst!
Spinnen sind mir bereits einige begegnet, tot und lebendig. Das Exemplar auf dem Foto haben wir in einem Container entdeckt. Nach reiflicher Überlegung sagte mir mein  kriminalistischer Spürsinn, dass sie vermutlich in Folge einer irreparablen Fußverletzung gestorben ist. Zu diesem Schluss kommt man relativ leicht, wenn man den hinteren Part der Spinne betrachtet: Die Körperextremität weist eine unnatürliche Stellung auf!

Genug der Witzelei! Ach ja: Bislang hatte ich noch nicht die Ehre eine Schlange zu treffen! Darf wegen mir auch gerne so bleiben :)

Und noch etwas Positives möchte ich erwähnen: Mein Wohnwagen wird natürlich ebenso zur nächsten Station des Wanderzirkus transportiert und so werde ich auch während der Spielzeit hier wohnen können!
Aus dem Grund konnte ich mich schon häuslich einrichten und so ziert jetzt ein Foto der Familie Schaible mein Zimmer! Direkt über meinem Bett :)
Und da ich hier zusätzlich zur Gemeinschaftsküche meinen eigenen Kühlschrank habe, habe ich im Supermarkt zugeschlagen und mich mit australischen Süßigkeiten eingedeckt.
Aber pssst, nicht den anderen Mitarbeitern erzählen! Die sind nur für mich J

So und jetzt neigt sich der Oktober dem Ende zu und die Artisten reisen nach und nach wieder an. Das heißt:

IT´S SHOWTIME!


Grüße aus dem Wohnwagen!
Andreas